Ein Volk, ein Reich, eine Schülerverbindung

 alt=Am 18. Januar steht bei der Thuringia Berlin, wie bei vielen Studentenverbindungen, der sogenannte Reichsgründungskommers auf dem Programm. Kommers heißt so viel wie Party, und die Reichsgründung, auf die hier angestoßen werden soll, bezeichnet den Akt der offiziellen Proklamation eines deutschen Volkes durch den damals neuen Kaiser. Worauf diese Volksgemeinschaft schon immer gedieh und die Korporierten noch immer schwören, ist der Krieg gegen einen gemeinsamen Feind.

Es muss die Idee der Herrschaft gewesen sein, die Menschen in Völker einzuteilen und unter diesem Begriff zu vereinen. So war es zumindest 1871, als der damalige preußische König Wilhelm I. die Gelegenheit beim Schopf ergriff und sich nach einem gemeinsamen Krieg der „Deutschen“ gegen die „Franzosen“, der zweifellos ein Gemeinschaftsgefühl verursacht haben muss, zum Kaiser Ersterer machte. Argumente und Grundlage der deutsch-völkischen Theorie waren damals und sind heute nicht viel mehr als die „alte Herrlichkeit“ des „gemeinsamen Vaterlandes“. Von Naturgesetz kann bei einer derart schwachen Beweislage aus heutiger Aufgeklärtheit jedenfalls nicht die Rede sein.
Dennoch gibt es nach wie vor die akademische Szene der Studentenverbindungen, die in ihrem Erscheinungsbild zunächst sehr jugendlich daherkommt, aber im Hintergrund viel mehr als die vorgeschobenen Ideale à la Ehre, Freundschaft, Vaterland wirken lässt. Die Seriosität, mit der die Alten Herren der Verbindungen ihre Politik betreiben, lässt es nicht zu, dass man diesen oft als „harmlose Spinner“ abgetanen Klassenkämpfern einen Welpenschutz einräumt. Zwar sind es im Umfeld des Coburger Convents eher die „Pennälerverbindung“ (Schülerverbindungen), wie die der Thuringia freundschaftlich verbundene Borussia Berlin, die mal etwas Elanvoller von ihren wahren Wünschen schwärmen dürfen, dennoch ist der geistige Samen bei den Männerbünden der selbe.

Es ist nicht schwer vorstellbar, was gefeiert wird, wenn die Thuringia und die Borussia gemeinsam ihren „Reichsgründungskommers“ begehen.
Die Homepage – pardon: der „Netzauftritt“ – der Pennäler verrät stolz: „Preußen ist wieder da! […] Das Potsdamer Top-Model Nadja Auermann räkelt sich mit angedeuteter Preußen-Gardeuniform auf dem Magazin der Süddeutschen Zeitung neben der Zeile „Preußen ist wieder sexy“.“
Doch sexy finden die jungen Burschen tatsächlich nicht nur das Objekt Frau; auf ihrer Startseite ergießen sie sich in strammen Thesen zu Preußens Historie, die mal wieder vor Augen führen, welcher Kult dieser akademischen „Kultur“ zugrunde liegt. Man schreibt dort, die lange gültige „Behauptung der Historiker und Medien“, Preußen sei ein Militärstaat und dessen Werte überkommen, hätten „nie den geschichtlichen Realitäten“ entsprochen. Ohne auch nur ansatzweise eine sachliche Argumentation anzuführen, wird dann der Bundeskanzler a.D. und bekennende Burschenschafterfreund Helmut Kohl gefeiert, mit der Überführung der sterblichen Überreste von König Friedrich II. und Friedrich Wilhelm I. nach Potsdam einen Gesinnungswandel eingeleitet zu haben. Auch, dass die arme Bundeswehr anschließend vor deren Särgen salutieren musste wird als ruhmreiche Tat beschrieben und offenbar keineswegs als Militarismus interpretiert.
Nicht nur wirr, sondern absolut bezeichnend wird es, als sich die Pennäler zwar prinzipiell hinter den offenbar „oft geäußerten Wunsch mancher Politiker, die Bundesländer Berlin und Brandenburg zu einem neuen mit dem Namen Preußen zusammenzulegen“ stellen, aber dennoch froh sind, dass diesem nicht stattgegeben wurde, denn: „es wäre angesichts der Ausdehnung und des eigentlich Ursprungs des Landes wohl auch Etikettenschwindel gewesen.“
Dass hier nicht von Freiheit, Frieden und Freundschaft sondern von großdeutschen Ambitionen und dem schon einmal ausgelebten Rassismus gegen Osteuropa die Rede ist, sollte klar sein. Wer anfängt, seinem „Volk“ – was auch immer das sein mag – höhere Rechte und Gebietsansprüche zuzusprechen, der ist auch nicht mehr weit davon entfernt, von „Blutreinheit“ und Krieg zu sprechen. Malen wir uns vielleicht lieber doch nicht aus, auf was bei derartigen Korporationen zu Anlässen wie dem Reichsgründungskommers angestoßen wird?
Oder seien wir realistisch: Verbindungen wie besagte Schülerverbindung, deren befreundete und oft als unpolitisch abgetane, aber wahrscheinlich einfach klüger taktierende Landsmannschaften, die „Liberalen“ der Neuen Deutschen Burschenschaft und die Nazis der unverhohlen rechtsoffenen Deutschen Burschenschaft sind sich in wohl so manchen Punkten einig. Es geht ihnen um eine männlich geführte, militaristischen Werten untergeordnete und rassistisch denkende Gesellschaft nach preußischem Vorbild.