Der sozialistische Bursche Schimmer

Oft werden Studentenverbindungen als das Bindeglied zwischen bürgerlicher Gesellschaft und faschistischen Gruppierungen bezeichnet. Tatsächlich bestritten wird das nie. Relativiert und entwertet wird diese Tatsache dagegen schon: man sei nur der Spiegel der Gesellschaft und das Vorhandensein verschiedener politischer Anschauungen wäre der Beweis für die demokratischen Grundsätze und den Pluralismus der Korporationen.
Die Burschenschaftlichen Blätter demonstrierten in ihrer Ausgabe 4/2009 eindrucksvoll, wie gut diese Toleranz auch gegenüber Nazis und deren Gedankengut funktioniert. Ein Interview sogenannter „intensiver innerverbandlicher Kritiker der NPD“ mit dem DB-Verbandsbruder und NPD-Abgeordneten des Sächsischen Landtags Arne Schimmer wird zum Dokument der deutschen Rechten. Das, was im Vorspann noch als offenbar höchst ehrenhafte und außergewöhnliche Diskussion angepriesen wird, offenbart in deren Verlauf die politischen Gewichte im größten der deutsch-nationalen Dachverbände.

Zu Beginn versuchen die zwei Interviewer noch selbstbewusst mit einer Frage zur Asyl-Politik der NPD ihren rechtsradikalen Diskussionspartner in die Enge zu treiben. Doch was noch rührend beginnt, offenbart sogleich ein Denken, dass ebenfalls die Grenzen der männlichen Ehre und des völkischen Nationalstolzes nicht zu sprengen vermag.

Es waren immer wieder gerade Burschenschafter, die aufgrund ihres Einsatzes für unsere Ideale staatlich verfolgt wurden Deshalb flohen sie in andere deutsche Teilstaaten, die Schweiz oder die USA. […] Wie ist für einen Burschenschafter vor diesem Hintergrund die gänzliche Abschaffung des Asylrechtes zu vertreten? Wenn man hier Reformbedarf sieht, könnte man seine Wirkung auf solche Menschen beschränken, die aufgrund ihres Eintretens für die Ehre und Freiheit ihres Vaterlandes verfolgt werden. Ist es für Deutschland nicht geradezu eine Frage der Ehre, solchen Menschen Schutz zu gewähren?

Keine zwei Sätze und das „antifaschistische“ Selbstverständnis ist befriedigt. Offensichtlich wollen sich die zwei als Herausforderer agierenden Herren nicht die Blöße geben und mit einer auf Solidarität oder Menschenrechten basierenden Argumentation die Steilvorlage liefern. Doch da der Kontrahent mit etwas weniger Dummheit bei der Sache ist, hat er die nicht nötig um seine Propaganda an den Mann zu bringen. Nach einer halbwegs sachlichen Erklärung zum Asylrecht im allgemeinen und rechtlichen verpasst er es nicht, seiner NPD-Mitgliedschaft gerecht zu werden.
Wer es schafft sein Recht auf Asyl einzuklagen, „wird am Ende gar mit Duldung belohnt“, so Schimmer.

Die damit verbundenen Belastungen bleiben am Ende an den Kommunen über die gezahlten Sozialleistungen und den Bürgern über die erhöhten Kriminalitätsbelastungen hängen.

Wer jetzt auf Einsprucht seitens der „NPD-Gegner“ hofft, hofft vergebens. Stattdessen gehen diese zum nächsten Thema über und zitieren zunächst Zeilenlang die Agenda der Jugendorganisation der NPD. Ganz trefflich wird erkannt, dass die „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) sich „ausdrücklich an die für eine Mitgliedschaft in einer Burschenschaft in Frage kommende Altersgruppe“ wenden. Alles andere als abwegig scheint die Verbindung beider Mitgliedschaften. Die mehr als schwache Argumentation („Wir fordern Männer, die für unser politisches System tragenden Grundwerte aktiv eintreten“) gegen den Eintritt in die JN wird von Arne Schimmer locker entkräftet. Sowohl der „revolutionäre“ Charakter der JN als auch die „innerorganisatorische Disziplin“ entsprächen den ureigenen Ansprüchen der Burschenschaften. Abschließend wird ganz im Stile der Korporationen gelogen:

Ich kann Ihnen übrigens versichern, daß innerhalb der JN die Achtung vor Wort und Überzeugung des Anderen großen Stellenwert haben.

Auch die NPD hat längst erkannt, dass bei den rechten Akademikern viel zu holen ist. Erstmals im Interview ist hier eine wahrscheinlich ernst gemeinte Besorgnis der zwei Kritiker zu spüren.

Verbandsbrüder in der NPD setzen gezielt auf eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Burschenschaft. So wird Verbandsbruder Gansel mit der Aussage aus einem NPD-Rundschreiben zitiert, daß die NPD nach den Erfolgen in Sachsen auf eine „Sogwirkung im rechtsgerichteten Studenten- und Verbindungsmilieu und eine steigende Attraktivität der Partei für Akademiker“ hoffe. […] Andererseits lädt der NPD-Vorsitzende Voigt in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ ausdrücklich die gewaltbereiten Formationen des bundesdeutschen Rechtsextremismus in die NPD ein. […] Können Sie ein Unbehagen bei der Vorstellung verstehen, daß Burschenschaften und militante Skinhead-Gruppierungen über die „gemeinsame Klammer NPD“ in einem Atemzug genannt werden können?

Dass die Besorgnis nur die öffentliche Erscheinung betrifft, sei unterstellt. Arne Schimmer tut diesen Punkt jedenfalls offensiv als Unfug ab, als er den „gutmenschlichen“ Einfluss der „Antifa“ wittert.

Ihre Befürchtung, daß die Burschenschaften mit „militanten Skinhead-Gruppierungen“ in einem Atemzug genannt werden, bloß weil es im Verband einige NPD-Mitglieder gibt, halte ich für ziemlich weit hergeholt. Wer, außer ein paar einschlägigen Antifa-Autoren, sollte so einen Unfug behaupten? Die Antifa, die unter ihrer Parole „Verbindungen kappen“ gegen das gesamte studentische Verbindungsmilieu agiert, wird erst dann zufrieden sein, bis auch die letzte Verbindung geschlossen wurde. Eine solche Sicht der Dinge können wir uns schlechterdings nicht zu eigen machen.

Und schützend stellt er sich vor den militanten Flügel der NPD, als deren Zitat angeführt wird:
„Die NPD möchte eine deutsche Volksfront schaffen, und da gehören alle nationalen Gruppen und Strömungen dazu. Herr Heise ist in den letzten Jahren nicht mehr straffällig geworden. Sein NPD-Eintritt soll ein Signal an die freie Szene sein.“ Die Gewalttaten des Thorsten Heise (Bundesvorstand der NPD) beinahe gutheißend wagt er die Relativierung des Rassismus.


Heise

Es ist richtig, daß seine Vita einige Vorstrafen aufweist, da geht es ihm nicht anders als dem Ex-Außenminister Joschka Fischer und dem Grünen-Spitzenpolitiker Ströbele. Wie Sie sicherlich wissen, stehen jedem deutschen Bürger nach Verbüßung einer Strafe seine vollen Bürgerrechte wieder zu. Insofern ist es auch das gute Recht von Herrn Heise, sich nach der Verbüßung seiner Strafe bei der CDU, der SPD, der NPD, oder sonstwo gesellschaftlich zu engagieren.

Und wie zur Bestätigung des qualitativen Unterschiedes von rechter Gewalt und politisch begründeter Gewalt, folgen einige widerspruchslose Thesen zum Dritten Reich. Los geht es mit Hitler, über den – so Schimmer – der Parteivorsitzenden der NPD, Udo Voigt, natürlich nicht nur gutes erzählt:

Die Aussage (Voigts; Anm.d.A.), daß Hitler ein großer Staatsmann sei, wird von Voigt im folgenden Satz stark relativiert, in dem er sagt, daß er nicht verkenne, daß Hitler letztlich die Verantwortung für die deutsche Niederlage trage.

Weiter geht es mit einer Anekdote über Ernst Nolte, der offenbar Schimmer aus der Seele spricht.

Ernst Nolte bemerkte in seiner Dankesrede bei der Entgegennahme des Konrad-Adenauer-Preises im Jahr 2000 einmal, daß der ganze Komplex des Dritte Reiches heute mehr und mehr zum Ausgangspunkt einer Quasi-Religion des „absoluten Bösen“ werde. Ich halte das für fatal, weil Distanz die Voraussetzung jeder Wissenschaft, auch der Geschichtswissenschaft, ist.

Diese Distanz hat Schimmer jedenfalls schon längst verinnerlicht; so kann er auch ganz sachlich gegen die deutsche Politik im Dritten Reich konstatieren:


Die Verfolgung der Juden und die unmenschliche Behandlung der slawischen Völker mußten das Dritte Reich auch außenpolitisch in die Isolation führen und am Ende zu seinem Scheitern beitragen.

Auch hier sehen die zwei Interviewpartner, die offenbar das Schema ihrer vorher entworfenen Fragen nicht verlassen wollen, keinen Bedarf an Widerspruch. Offenbar bereitwillig bieten sie das Forum für die nationalsozialistische Begriffsverdrehung, die hier als letztes Zitat angeführt werden soll.


Schon die Begriffsgeschichte des Ausdrucks „Sozialismus“ zeugt ja von einer erheblichen Definitionsproblematik und umfaßt eigentlich alle Varianten einer Wirtschaftsordnung, in denen der Staat eine herausragende Rolle spielt. Ebenso breitgefaßt ist der Begriff „nationaler Sozialismus“, der nicht mit „Nationalsozialismus“ gleichzusetzen ist. Zum „nationalen Sozialismus“ gehört ein Ernst Niekisch, der im Dritten Reich neun Jahre im Gefängnis verbrachte, zum „nationalen Sozialismus“ gehören die Hofgeismarer Sozialdemokraten wie August Winnig und Hermann Heller sowie der Gründer des „Nationalsozialen Vereins“ Friedrich Naumann, der erstmals die Einsicht formulierte, daß Nationales und Soziales zusammengehören und zum Komplex des „nationalen Sozialismus“ gehören nicht zuletzt Rudi Dutschke und Bernd Rabehl, die auf dem Höhepunkt der Blockkonfrontation der sechziger Jahre für die Herstellung der deutschen Einheit eintraten.

Knallharte Analysen eines knallharten Nazis. Die Verbandsbrüder Jörg Haverkamp und Roland A. Richter wollten entweder keine Paroli bieten oder konnten nicht. Sowohl Ersteres als auch Letzteres wären fatal für ein Urteil über Studentenverbindungen. Hat die Deutsche Burschenschaft, deren Organ immerhin eine 12.000er Auflage verzeichnet, tatsächlich keine besseren Widerstreiter gegen derartiges gefährliches Gedankengut und muss deswegen zwangsläufig als Verbindung zur rechtsradikalen Szene fungieren? Oder sind Meinungen gegen den völkischen Nationalismus derart unkonform in diesen Männerbünden, dass sich niemand traut, sie auszusprechen? Einen Unterschied macht es in der Praxis nicht. Dass ein derartiges Interview abgedruckt wird ist in jedem Fall bezeichnend.

Und weil es so lustig ist, trotzdem noch die Verabschiedung der zwei konkurrierenden Positionen als Zitat:

Jörg Haverkamp und Roland A. Richter: Wir betrachten diese pointierte, aber sachliche und direkte Form der Auseinandersetzung als den richtigen Weg, Befürchtungen und vielleicht auch Mißverständnisse aufzuklären. In anderen Medien werden Sie bewußt „totgeschwiegen“, hier stellen Sie sich freiwillig der unbequemen und offen gestellten Frage, ob die politischen Inhalte Ihrer Partei mit den Zielen der Deutschen Burschenschaft vereinbar seien. Für diese Bereitschaft und Ihre Offenheit danken wir Ihnen ausdrücklich!

Arne Schimmer: Auch ein Dankeschön von meiner Seite für die Zeit und Mühe, die Sie sich mit Ihren präzisen Fragen genommen haben – es ist in unserer Zeit schließlich alles andere als selbstverständlich, mit einem NPD-Politiker ein Interview zu führen.

Das sind die deutschen Männer der alten Schule! Keine Fragen mehr.

Das ganze Gespräch der Drei auf: http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/meldung/402/fragen-ant.html