Archiv für April 2011

Blick über den Tellerrand

Es ist weithin bekannt, dass Studentenverbindungen teils sehr fragwürdigen Ideologien, teils klar neonazistischen Ideologien anhängen. Diese Erkenntnis erstreckt sich durch viele gesellschaftliche Bereiche in großen Teilen der BRD. In Coburg jedoch ist man dieses Jahr wahrscheinlich nach wie vor noch nicht so weit.
In jüngerer Vergangenheit konnten einige Erfolge in der Korporationskritischen Arbeit verbucht werden. Nachdem 2009 in Hamburg der Verbändekommers der „Vereinigung Hamburger Akademikerverbände“ aufgrund großer Ablehnung nicht stattfinden konnte, erlitt Christoph Ahlhaus und mit ihm der Coburger Convent sowohl in eigenen als auch in gegenerischen Reihen einen gehörigen Image-Schaden. Angestoßen durch antifaschistische Recherchearbeit reagierten auch große Teile der Bürgerschaft allergisch auf die enthüllten Verbindungen. Viel der grundlegenden Kritik an der politischen Ausrichtung der Korporationen wurde in der Presse aufgegriffen und verurteilt.
Auch in anderen Städten ist ein antifaschistischer Umgang mit den Männerbünden noch lange kein Grund für Aufregung. Als gutes Beispiel wäre Bielefeld zu nennen: dort gab es Anfang April eine Demonstration, die auch ohne gewalttätige Polizeieinsätze ihr Ziel erreichte. Der sogenannte „Bismarck-Kommers“ der lokalen Studentenverbindungen wurde durch Polizeiabsperrungen isoliert und die Passanten nahmen die Flugblätter und Redebeiträge der Demonstranten interessiert entgegen. Und auch aus Hessen ist erfreuliches zu vermelden: ein überregionales Bündnis hat eine Kampagne gegen Verbindungen gestartet, die u.a. gegen den Burschentag der einschlägig bekannten Deutschen Burschenschaft mobilisieren will. Mit Spannung werden erste Ergebnisse erwartet.
Dass es in Coburg zu spannenden neuen Entwicklungen kommen wird, gilt dagegen als sehr unwahrscheinlich. Kulturell stagniert die Region seit vielen Jahren – und das politisch gewollt. Dass die Stadt dennoch oder gerade deswegen zu Pfingsten nicht zur Ruhe kommen wird, hat sie ganzheitlich selbst zu verantworten. Vor dem Anlaufen der Mobilisierung gegen den Pfingstkongress des CC kann den Coburgern eigentlich nur noch der Tipp gegeben werden, einmal über den Tellerrand zu blicken. In vielen Städten ist es keine Schande, dem eigenen Bürgermeister, der eigenen Presse und natürlich der eigenen Polizei auch mal genauer auf die Finger zu schauen. Man muss es nicht immer eskalieren lassen.
Auf Nachfrage lässt Sebastian Ebert, einer der Sprecher der Initiative „Studentische Verbindungen auflösen“, durchblicken: „Auch dieses Jahr werden wir natürlich vor Ort sein. Der Pfingstkongress darf nicht unkommentiert stehen. Da es in Coburg leider nur wenig kritische Öffentlichkeit gibt, hoffen wir auch auf überregionale Unterstützung. Unsere Kritik am Verband werden wir jedenfalls weiterhin laut und gut sichtbar äußern.“ EM