Beiträge von Emilio Mikojan

Mit Nazis unter einer Decke

Nach eigenen Angaben geht der Coburger Convent jetzt auf Distanz zur Deutschen Burschenschaft (DB). Grund dafür ist ein interner Streit der DB, in dem es um den Ausschluss eines Mitgliedes beziehungsweise einer ganzen Verbindung geht. Die Verbindung aus Mannheim führt ein Mitglied in ihrer Liste, dessen Eltern chinesischer Abstammung sind. Das sorgt beim offen rassistischen Flügel der DB für Unmut, da dieser darin die Überfremdung des „deutschen Volkes“ wiedergespiegelt sieht.
Dass die Distanzierung des CC nur halbherzig sein dürfte, wird klar, wenn man dessen Beziehungen zur Deutschen Burschenschaft genauer betrachtet: in lokalen Waffenringen herrscht freundliche und respektvolle Kooperation verschiedener Verbindungen beider Dachverbände. Außerdem befindet sich der CC mit der DB im Dachverband Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA). So lange diese Kooperation nicht aufhört, muss sich der CC weiter den Vorwurf gefallen lassen, mit Nazis unter einer Decke zu stecken.

Kritik an der Kritik

In Coburgs „Tageblatt“ erschien heute ein Gespräch des CC-Kritikers und SPD-Stadtrat Martin Lücke mit dem CDU-Stadtrat Thomas Engel, welcher in einer Verbindung im Coburger Convent ist. In dem lesenswerten Dialog, der auf http://www.infranken.de/ zu finden ist, vertritt Martin Lücke eigene Thesen. Fälschlicherweise wird er von dem moderierenden Journalisten in die Position eines Sprechers der CC-Gegner gehoben. Das Tageblatt fasst Martin Lückes Argumentation folgendermaßen zusammen:

Die CC-Gegner sagen: Verbindungen sind sexistisch, weil sie Frauen ausgrenzen; sie sind völkisch, weil ihr Vaterlandsbegriff nicht an existierende Grenzen gebunden ist, und sie sind geschichtsrevisionistisch, weil sie Soldaten, die im Krieg gefallen sind, auf die gleiche Opferebene stellen wie KZ-Opfer.

Abgesehen von der Tatsache, dass es keine einheitliche Position gegen Studentenverbindungen gibt, ist diese Zusammenfassung nicht richtig. Wir als Projektionsfläche dieser Kritik stellen kurz klar:

Das Prinzip des Männerbundes ist nur die Spitze einer Heteronormativität, die bei Korporierten vom Dachverband und von ihrer eigenen Verbindung gefördert wird.
Dazu gehört ein Bild der Frau, dass diese höchstens als schmückendes Beiwerk betrachtet, mindestens aber hinter dem Herd sieht.
Dazu gehört Ablehnung und Angst vor Homosexualität und dazu gehört auch das in Coburg stets zu beobachtende Machogehabe mit all seinen weiteren unzähligen Facetten von Sexismus.

Völkisch sind Studentenverbindungen nicht deshalb, weil ihr Vaterlandsbegriff nicht an existierende Grenzen gebunden ist, sondern weil sie einer Ideologie des „deutschen Blutes“ und einer daraus abgeleiteten „deutschen Kultur“ anhängen. Diese Naziideologie hat zur Folge, dass das Vaterland für Korporierte auch in Österreich, Polen und Tschechien liegt – also überall da, wo „deutscher Boden“ sein soll.

Geschichtsrevisionistisch ist der CC nicht deshalb, weil er die deutschen Soldaten auf die selbe Stufe stellt wie KZ-Opfer. Die Millionen durch die Nazis ermordeten finden generell keinen Platz in den pathostriefenden Reden. Vielmehr werden die Bundesbrüder des dritten Reichs in der Rolle der deutschen Soldaten als ehrbare Kämpfer dargestellt, die von Hitler gezwungen wurden, in den Krieg zu ziehen. Tatsächlich waren Studentenverbindungen bis zuletzt Befürworter des Antisemitismus, des Nationalismus und des Krieges um „deutschen Boden“.

Unpolitisch bis zum Endsieg

Deutsche FreikorpsMit einem „Burschen heraus!“ ruft die Junge Freiheit (JF) in ihrere aktuellen Ausgabe zur wichtigsten Zeit der großen Dachverbände der Korporationsszene. Parallel zum Pfingstkongress des CC wird dabei auch der Burschentag der rechtsoffenen und in Teilen faschistischen Deutschen Burschenschaft beworben. Nicht neu, aber bezeichnend ist die starke ideologische und vielschichtige personelle Verbindung der Korporationen zur Jungen Freiheit als wichtigstem Organ der Neuen Rechten, einer akademisch geprägten völkisch-nationalistischen Bewegung, die inhaltlich auch an nationalsozialistische Ideen anknüpft.
So ist in dieser Ausgabe der JF beispielsweise auch ein Artikel einer Reihe zu finden, deren Autor sich in einer Argumentation übt, die den Überfall der Nazis auf die Sowjetunion als „Präventivkrieg“ darzustellen versucht. Damit vertritt die JF einen Geschichtsrevisionismus, der dem jährlich beim „Heldengedenken“ des CC zur Schau getragenen grundsätzlich ähnelt. Die Ideologie, für die die deutschen Soldaten ihre Gräueltaten begingen wird dabei als apolitisch und heldenhaft geehrt. Den antifaschistischen Widerstand bezeichnet die gesamte Rechte – und mit ihnen einhellig das Verbindungswesen – im gleichen Zuge stets als extremistischen Terror. Wie schon damals, so auch heute.

Blick über den Tellerrand

Es ist weithin bekannt, dass Studentenverbindungen teils sehr fragwürdigen Ideologien, teils klar neonazistischen Ideologien anhängen. Diese Erkenntnis erstreckt sich durch viele gesellschaftliche Bereiche in großen Teilen der BRD. In Coburg jedoch ist man dieses Jahr wahrscheinlich nach wie vor noch nicht so weit.
In jüngerer Vergangenheit konnten einige Erfolge in der Korporationskritischen Arbeit verbucht werden. Nachdem 2009 in Hamburg der Verbändekommers der „Vereinigung Hamburger Akademikerverbände“ aufgrund großer Ablehnung nicht stattfinden konnte, erlitt Christoph Ahlhaus und mit ihm der Coburger Convent sowohl in eigenen als auch in gegenerischen Reihen einen gehörigen Image-Schaden. Angestoßen durch antifaschistische Recherchearbeit reagierten auch große Teile der Bürgerschaft allergisch auf die enthüllten Verbindungen. Viel der grundlegenden Kritik an der politischen Ausrichtung der Korporationen wurde in der Presse aufgegriffen und verurteilt.
Auch in anderen Städten ist ein antifaschistischer Umgang mit den Männerbünden noch lange kein Grund für Aufregung. Als gutes Beispiel wäre Bielefeld zu nennen: dort gab es Anfang April eine Demonstration, die auch ohne gewalttätige Polizeieinsätze ihr Ziel erreichte. Der sogenannte „Bismarck-Kommers“ der lokalen Studentenverbindungen wurde durch Polizeiabsperrungen isoliert und die Passanten nahmen die Flugblätter und Redebeiträge der Demonstranten interessiert entgegen. Und auch aus Hessen ist erfreuliches zu vermelden: ein überregionales Bündnis hat eine Kampagne gegen Verbindungen gestartet, die u.a. gegen den Burschentag der einschlägig bekannten Deutschen Burschenschaft mobilisieren will. Mit Spannung werden erste Ergebnisse erwartet.
Dass es in Coburg zu spannenden neuen Entwicklungen kommen wird, gilt dagegen als sehr unwahrscheinlich. Kulturell stagniert die Region seit vielen Jahren – und das politisch gewollt. Dass die Stadt dennoch oder gerade deswegen zu Pfingsten nicht zur Ruhe kommen wird, hat sie ganzheitlich selbst zu verantworten. Vor dem Anlaufen der Mobilisierung gegen den Pfingstkongress des CC kann den Coburgern eigentlich nur noch der Tipp gegeben werden, einmal über den Tellerrand zu blicken. In vielen Städten ist es keine Schande, dem eigenen Bürgermeister, der eigenen Presse und natürlich der eigenen Polizei auch mal genauer auf die Finger zu schauen. Man muss es nicht immer eskalieren lassen.
Auf Nachfrage lässt Sebastian Ebert, einer der Sprecher der Initiative „Studentische Verbindungen auflösen“, durchblicken: „Auch dieses Jahr werden wir natürlich vor Ort sein. Der Pfingstkongress darf nicht unkommentiert stehen. Da es in Coburg leider nur wenig kritische Öffentlichkeit gibt, hoffen wir auch auf überregionale Unterstützung. Unsere Kritik am Verband werden wir jedenfalls weiterhin laut und gut sichtbar äußern.“ EM